Geteilter Solarstrom
Solarenergie vom Dach ist die eleganteste und preisgünstigste Art der Stromerzeugung – erst recht, wenn mehrere Verbraucher gemeinschaftlich davon profitieren. Markus Schnyder, Geschäftsführer der Schnyder VST Immobilien AG, über die Vorzüge des ZEV-Modells und die Notwendigkeit der Netzanbindung.
Die aktuelle Energieknappheit verdeutlicht die Notwendigkeit, ein massiv höheres Tempo beim Ausbau der erneuerbaren Energien anzuschlagen. Nur so kann es gelingen, einerseits die Energie- und Klimaziele zu erreichen und andererseits die Versorgungssicherheit aufrechtzuerhalten. Nachdem Unternehmen, aber auch Privatpersonen einen zeitweisen Ausfall unseres Stromsystems offenbar nicht ganz ausschliessen, hat die Solarbranche mehr zu tun denn je. Der Kundenwunsch, der das Geschäft ankurbelt, ist klar: ein möglichst hoher Grad an Unabhängigkeit. Oder im Solar-Fachjargon ausgedrückt: Autarkie.
ZEV – Strom vom Nachbarn
Für das Stromnetz hat es ebenfalls Folgen, wenn im Zuge der Energiestrategie 2050 immer mehr Solarenergie erzeugt wird. Denn die Energie, die nicht dort verbraucht oder gespeichert wird, wo sie hergestellt wird, muss ins Netz eingespeist werden. Das kann bei Produktionsspitzenzeiten im Sommer zu Überlastungen führen. Hier sorgt ein Modell für mehr lokalen Ausgleich: der «Zusammenschluss zum Eigenverbrauch», kurz ZEV. Damit erhalten Hausbesitzer die Möglichkeit, ihren Mietern oder Nachbarn Strom vom eigenen Dach zu verkaufen. Das erhöht den Verbrauch vor Ort und entlastet gleichzeitig das Netz.
Planung, Umsetzung, Smart Metering
Die Umsetzung eines ZEV erfordert allerdings eine gute Planung und Umsetzung. Die tb.glarus wenden Smart-Metering-Technologie an, um den selbst produzierten Solarstrom auf die einzelnen Bewohner einer Liegenschaft zu verteilen. Durch exakte Verrechnung des individuellen Stromverbrauchs profitieren die Nutzer von einer fairen und verbrauchsgerechten Abrechnung des Solarstroms sowie von einer Reduktion der Betriebskosten der PV-Anlage. Der Glarner Gemeinderat und Immobilienspezialist Markus Schnyder und seine Schwester Gabriela, beide Mitinhaber der Schnyder VST Immobilien AG, haben auf dem Dach ihres Firmensitzes in Netstal eine PV-Anlage mit einer Leistung von fast 10kWp installiert.
«Wenn die Revolution die Evolution beschleunigt, sind wir am ehesten auf dem richtigen Weg.»
Markus Schnyder Neubau der Schnyder VST Immobilien AG
Herr Schnyder, was ist das Besondere an Ihrem neuen Solardach?
Markus Schnyder: Im Herbst wurde unser Geschäftshaus fertiggestellt – mit einer Indach-Solaranlage, wie das bei der Erstellung von neuen Gebäuden heute üblich ist. Die Anlage ist von Eternit, einem ortsansässigen Betrieb. Sie sieht sehr gut aus, wie ich finde.
Neben der besseren optischen Integration – gibt es auch Nachteile von Indach-Anlagen?
Ja, die gibt es: Man ist komplett an die Ausrichtung und Neigung des Hausdachs gebunden. Vom Ortsbildschutz kam die Vorgabe eines Ost-West-Giebels. Das heisst, eine Dachfläche zeigt nach Süden, die andere Richtung Norden, wo Photovoltaik nicht wirklich Sinn ergibt.
Ihre Anlage läuft im ZEV-Modell: Wer profitiert ausser Ihnen vom hausgemachten Strom?
Es sind drei weitere Abnehmer: ein Architekturbüro als Teil der Bürogemeinschaft der Schnyder VST Immobilien AG sowie zwei Wohnungen in den oberen Etagen. Da können wir optional auch noch eine Elektroauto-Ladestation installieren, wenn ein Mieter dies für sein Elektroauto wünscht.
Kann die Anlage amortisiert werden?
Ja, das ist eine wesentliche Komponente. Gesetzlich wird vorgeschrieben, dass der selbst produzierte Strom nicht teurer sein darf als jener aus dem Netz. Dazu muss man wissen, dass die Preise des ZEV-Stroms jährlich angepasst werden, wie auch die Tarife der tb.glarus. Wenn deren Preise steigen oder sinken, tun unsere dies auch – wenn auch auf etwas tieferem Niveau. Die Aussichten sind gut, dass die Anlage sich innerhalb ihrer Lebensdauer amortisieren wird.
Ist das auch Ihr Motto: der Umwelt und dem Klima etwas Gutes tun, aber den wirtschaftlichen Aspekt nicht aus den Augen verlieren?
Das ist sicher so. Es gibt zudem heute von Gesetzes wegen gewisse Vorgaben, was die Eigenproduktion eines neuen Gebäudes betrifft. Aber eine PV-Anlage oder ein ZEV können durchaus auch wirtschaftlich betrieben werden, wenn man es richtig macht.
Dafür verbietet das neue Glarner Energiegesetz künftig neue Heizungen mit fossilen Brennstoffen.
Das war ein Schnellschuss, den ich rückblickend als eine Art Unfall betrachte – insofern, als viele Hausbesitzer überstürzt reagiert haben. Dabei wäre es so wichtig, die Planung der Energieversorgung langfristig zu gestalten.
Überstürzt im Sinne von «vor Inkrafttreten des Verbots noch rasch eine neue Ölheizung installieren»?
Das kann eine solche Kurzschlusshandlung sein. Aber auch, wenn sich jemand auf die Schnelle für die Installation einer Wärmepumpe entscheidet. Wenn dann der Anschluss an einen Wärmeverbund aktuell wird, ist der betreffende Kunde für die nächsten Jahrzehnte verloren. Es ist also schade, dass nicht mehr Zeit geblieben ist, den anspruchsvollen Aufbau von Wärmeverbünden im Versorgungsgebiet zu planen und zu kommunizieren.
Zur Planung im Energiesektor gehören auch Ausbau und Erneuerung des Stromnetzes.
Das ist ein zentraler Punkt für mich. Der Unterhalt des Netzes kostet immer gleich viel – egal, ob man es intensiv oder wenig nutzt. Das Stromnetz werden wir immer brauchen. Allein schon, um die Differenzen von PV-Überproduktion im Sommer und einer deutlichen PV-Unterproduktion im Winter zu überbrücken.
Wie erreicht man die Energie- und Klimaziele – durch Revolution oder Evolution?
Es wird wohl auf eine Mischung aus beidem herauslaufen. Auf Biegen oder Brechen abrupte Veränderungen herbeizuführen, bringt nicht viel. Sich andererseits einfach auf den Fortschritt der Technik als Selbstläufer verlassen zu wollen – dafür fehlt uns die Zeit. Wenn die Revolution die Evolution beschleunigt, sind wir am ehesten auf dem richtigen Weg. In Zeiten wie jetzt, wo der Druck spürbar wird, geht es erfahrungsgemäss am zügigsten vorwärts.