«Energy-Drink» aus dem Löntschtobel
Die tb.glarus haben die Wasseranlagen der Quellen beim Fulenchopf und beim Löntschbord bis zum Trinkwasserreservoir Auli in Riedern saniert und zu einem Kraftwerk ausgebaut. Damit erzeugen sie nun auch ökologisch hochwertigen Strom.
Ein norwegischer Fjord mitten in der Schweiz – so könnte man das Klöntal mit seinen vertikalen Felswänden und dem Klöntalersee auch bezeichnen. Die Schweiz bezieht hier Strom und Glarus, sowie Netstal, seit über 100 Jahren Trinkwasser. Dieses stammt aus zwei Quellen auf beiden Seiten des Löntschtobels – dem Glarner Löntschbord und dem Netstaler Fulenkopf. Zwei Leitungen führen von den beiden Wasserfassungen nebeneinander ins Tal und der Druck, welcher sich durch das Höhengefälle aufbaut, wurde bislang nutzlos vernichtet. Doch seit Januar 2023 wird das Potenzial ausgenutzt und es wird ökologisch hochwertiger Strom produziert – denn ab sofort gibt es nur noch eine einzige Leitung.
In der Quellsammelbrunnenstube Löntschbord wird das Wasser der beiden Quellen zusammengeführt und fliesst anschliessend durch eine Druckleitung, dessen Durchmesser etwa 40 Zentimeter entspricht, 2,1 Kilometer talwärts zum neu erstellten Trinkwasserkraftwerk. Auf dem Reservoir Auli, welches sich in Riedern befindet, wurde die neue Zentrale, welche Turbine und Generator beinhaltet, aufgebaut. «Zur Stromproduktion soll möglichst jeder Tropfen Wasser verwendet werden können, während bei der Trinkwasserversorgung die Qualität des Wassers im Vordergrund steht», erklärt Fridolin Schuler, Abteilungsleiter Fernwärme/Gas/Wasser bei den tb.glarus.
Die Hygieneauflagen an ein Trinkwasserkraftwerk sind enorm. Damit diese eingehalten werden, müssen unter anderem folgende Bedingungen erfüllt werden: Die Pelton-Turbine muss aus Chromstahl bestehen und alle Schmierstoffe die Lebensmittelauflagen einhalten – man könnte diese sozusagen als Brotaufstrich benutzen. Jegliches Werkzeug ist und bleibt vor Ort, es darf kein externes, kontaminiertes Werkzeug eingesetzt werden. Ausserdem werden regelmässige, zusätzliche Wartungsarbeiten ausgeführt.
Die Brunnenstuben und die Leitungen der Quellfassungen Löntschbord und Fulenchopf sind seit vielen Jahrzehnten in Betrieb. Aus diesem Grund war eine Sanierung, mit der Investitionssumme von 4,5 Millionen Franken, ohnehin nötig, damit die Nutzung des Trinkwassers langfristig gesichert werden kann. Daher bot es sich an, das hydraulische Potenzial der Anlage energietechnisch mitzunutzen. Die Druckleitung ist gleichzeitig auch eine Löschwasser-Leitung für die angrenzenden Objekte. Auf der über zwei Kilometer langen Leitung sind drei Hydranten verbaut, welche im Brandfall direkt mit Wasser versorgt werden.
Die Erneuerungsarbeiten dauerten vom Herbst 2021 bis zum Frühjahr 2023. Sie umfassten die beiden Quellbrunnstuben, ein neues Regulierbecken, neue Wasser- und Druckleitungen, das Reservoir Auli sowie ein neues Kraftwerkgebäude. Die Teils über 80 Jahre alten Graugussrohre für die Druckleitung wurden ersetzt durch duktile Gussrohre, um die Wasserversorgung zu sichern. «Duktile Gussrohre sind besonders wirtschaftlich und umweltfreundlich. Sie zeichnen sich durch einfache und schnelle Montage und dennoch höchste Belastbarkeit aus», erklärt Fridolin Schuler. Damit Synergien bei der Steuerung, dem Unterhalt etc. genutzt werden können, ist die Anlage nahezu baugleich mit der Anlage des Trinkwasserkraftwerks Bleiche in Glarus. Sogar der Lastenkran im Turbinenhaus ist identisch.
Das Trinkwasserkraftwerk Bleiche besteht bereits seit 1937, 2015/2016 wurde es komplett saniert. Die neue Anlage wurde erst möglich durch die Gemeindefusionen im Kanton und das Einspeisevergütungssystem (EVS; ehem. KEV) für erneuerbaren Strom. «Das EVS garantiert uns während 15 Jahren den gleich hohen Einspeisetarif. Ohne diese finanzielle Sicherheit wäre das Projekt nicht möglich gewesen», betont Fridolin Schuler. Bauarbeiten im Gebirge sind äusserst aufwändig. Der Fulenchopf hat seinen Namen nicht umsonst, denn die Strassen und Baustellen in der Büttenen liegen im Steinschlaggebiet. An solchen Stellen zu bauen ist gefährlich, teuer und erfordert Erfahrung, sowie lokale Kenntnisse. Zur selben Zeit wie die Druckleitung wurde auch die Köntalerstrasse saniert, die durch den Bereich der Büttenebene führt. Als wichtigste Zubringerin zum Klöntal passieren an schönen Sommertagen unzählige Fahrzeuge die Strasse. «Die Sperrungen waren kurz zu halten. Teilweise wurden Strassenquerungen in der Nacht ausgeführt», erzählt Fridolin Schuler
Die tb.glarus schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe. Für etwa 250 Haushalte pro Jahr produziert das Trinkwasserkraftwerk zukünftig zertifizierten Ökostrom, dies entspricht einer Gigawattstunde jährlich. Mittlerweile wird fast sämtliches Quellwasser der Technischen Betriebe Glarus turbiniert – also alles Trinkwasser, was aus den Wasserhähnen der Gemeinde Glarus kommt. Im Herbst und Winter, wenn die Wasserstromproduktion an anderen Orten zurückgeht, liefern die beiden Quellen im Löntschtobel am meisten Wasser. In anderen Gebieten dagegen liegt die Höchstleistung im Frühling und Sommer. Durchnittlich ist der Volumenstrom Qmax = 0.1 m3/s. Damit finanziert der «Energy-Drink» aus dem Trinkwasserkraftwerk Auli innerhalb von 15 Jahren die Investition für weitere 100 Jahre sichere Wasserversorgung aus dem Klöntal.